
29.10.26 –
Wie gerecht ist das bayerische Schulsystem? Und ist die Aufteilung der Kinder auf verschiedeneSchularten bereits nach der 4. Klasse noch zeitgemäß? Mit diesen Fragen haben wir uns im Bildungsausschuss des Landtags in einer von uns Grünen und der SPD beantragten Sachverständigenanhörung zum Thema „Längeres gemeinsames Lernen“ beschäftigt.
Die Anhörung zeigte vor allem eines: Die wissenschaftliche Evidenz stützt die Behauptung nicht, dass die frühe Aufteilung nach der Grundschule für die guten Leistungen Bayerns mitverantwortlich ist. Gleichzeitig gibt es deutliche Hinweise darauf, dass sie soziale Ungleichheiten verstärkt.
Bildungschancen hängen in Bayern besonders stark vom Elternhaus ab
Ausgangspunkt der Anhörung war für uns ein Befund, der seit Jahren bekannt ist und in der letzten PISA-Studie ein weiteres Mal belegt wurde: In Deutschland und gerade auch in Bayern beeinflusst die soziale Herkunft von Kindern ihren Bildungserfolg erheblich. Dabei entstehen Bildungsunterschiede zwar bereits vor der Einschulung. Die Sachverständigen machten jedoch deutlich, dass der Übertritt nach der 4. Klasse weitere Selektionsmechanismen hinzufügt: Notengebung, Übertrittsempfehlungen, Bildungsaspirationen der Eltern und unterschiedliche Lernumgebungen wirken zusammen und beeinflussen den weiteren Bildungsweg.
Bildungsforscher Prof. Dr. Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation hat in der Anhörung klar dargelegt, dass es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege dafür gäbe, dass eine frühe Aufteilung von Kindern auf verschiedene Schulformen einen generellen Leistungsvorteil bedeute. Dagegen gäbe es aber Hinweise darauf, dass frühe Selektion soziale Ungleichheiten verstärke.
Auch Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), stützte diesen Befund und wies zudem darauf hin, dass zwar in Vergleichsstudien bayerische Schüler*innen regelmäßig gute Leistungen erzielten, jedoch insgesamt vergleichsweise wenige Schülerinnen und Schüler das Gymnasium besuchten. Gleichzeitig hingen Bildungsaspirationen stärker von der sozialen Herkunft ab als in vielen anderen Bundesländern.
Gute Leistungen belegen nicht die Sinnhaftigkeit der frühen Aufteilung
Ein zentrales Argument der Gegner*innen längeren gemeinsamen Lernens fiel auch in dieser Anhörung: Bayerns Schulen seien erfolgreich, also müsse das bestehende System richtig sein. Doch genau hier setzte auch Maaz an. Er betonte, dass gute Ergebnisse Bayerns keineswegs belegten, dass der Übertritt nach Klasse 4 dafür verantwortlich ist. Ebenso wenig lasse sich aus den Leistungen anderer Länder automatisch ableiten, dass längeres gemeinsames Lernen alle Probleme lösen würde. Die entscheidende Erkenntnis laute vielmehr: Die Struktur allein entscheidet nicht über den Erfolg eines Bildungssystems. Entscheidend ist die Qualität des Unterrichts.
Was können wir von anderen Ländern lernen?
In der Anhörung wurden auch Beispiele aus anderen Staaten und Bundesländern diskutiert. Finnland, Kanada oder die Schweiz setzen deutlich länger auf gemeinsames Lernen als Bayern. Auch innerhalb Deutschlands gibt es Erfahrungen etwa mit den sechsjährigen Grundschulen in Berlin oder mit Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Hier wurde aber deutlich festgestellt, dass erfolgreiche Bildungssysteme viele Komponenten haben, die über die Frage nach dem früheren oder späteren Trennen von Kindern weit hinausgehen - Förderstrukturen, Diagnostik, Lehrkräftequalifizierung und individuelle Unterstützung sind hier besonders zu nennen. Dennoch zeigten die internationalen Beispiele, dass leistungsstarke Bildungssysteme sehr wohl ohne eine Trennung der Kinder nach der 4. Klasse funktionieren.
Schulversuche als möglichen Weg
Eine besonders spannende Frage lautete deshalb: Muss man überhaupt sofort das gesamte Schulsystem umstellen? Statt eines sehr großen strukturellen Umbaus, spräche Vieles dafür, neue Wege zunächst wissenschaftlich begleitet zu erproben, beispielsweise über Schulversuche. So könnten interessierte Schulen verschiedene Modelle längeren gemeinsamen Lernens testen und deren Auswirkungen auf Leistung, Chancengerechtigkeit, Inklusion und Schulentwicklung systematisch zu untersuchen.
Frühkindliche Bildung bleibt entscheidend
Einen wichtigen Punkt betonten nahezu alle Expertinnen und Experten: Mehr Chancengerechtigkeit beginnt nicht erst mit der Schulstruktur: Bildungsungleichheiten entstünden häufig bereits im Kindergartenalter oder sogar noch früher. Sprachförderung, frühkindliche Bildung, Elternarbeit und hochwertige Kindertagesbetreuung bleiben daher zentrale Stellschrauben, um Chancengerechtigkeit zu fördern. Gleichzeitig machte Kai Maaz aber auch deutlich, dass die Tatsache, dass Ungleichheiten bereits früh entstehen, nicht bedeute, dass spätere Selektionsmechanismen unproblematisch wären.
Wie muss guter Unterricht aussehen?
Als zentraler Punkt kristallisierte sich während der Anhörung vor allem die Gestaltung des Unterrichts heraus: Immer wieder wurde klargestellt, dass der Umgang mit Heterogenität im Unterricht ein Schlüssel auch bei längerem gemeinsamem Lernen darstellt. Dazu gehörten individuelle Diagnostik, flexible Lernwege, zeitweilige Fördergruppen, Vertiefungsangebote, beschleunigte Lernmöglichkeiten für besonders leistungsstarke Kinder, multiprofessionelle Teams, stärkere Zusammenarbeit von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften. Hier Interessant war dabei der Verweis auf die Begabungsforschung. Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Weigand vertritt seit Jahren die Auffassung, dass Potenziale in allen Kindern stecken und Bildungssysteme diese erkennen und fördern müssen. Ihre Leitfrage lautet: „Passen wir die Kinder dem System an oder das System den Kindern?“ Gerade für die Debatte um längeres gemeinsames Lernen ist diese Perspektive hochinteressant.
Gefährdet längeres gemeinsames Lernen die Leistungsspitze?
Eine der häufigsten Sorgen lautet, leistungsstarke Kinder könnten in heterogenen Lerngruppenausgebremst werden. Die Anhörung lieferte dafür keine belastbaren Belege.Weder Kai Maaz noch Petra Stanat sehen wissenschaftliche Hinweise darauf, dass längeres gemeinsames Lernen zwangsläufig zu einem Leistungsverlust führt. Ebenso wenig gibt es jedoch Garantien für Leistungssteigerungen. Die Forschung deutet vielmehr darauf hin, dass Unterrichtsqualität wichtiger ist als die Frage, ob Lerngruppen eher homogen oder heterogen zusammengesetzt sind. Fachkräftesicherung, Zusammenhalt und Inklusion Die Debatte über längeres gemeinsames Lernen ist nicht nur eine pädagogische Frage.
Mehr Chancengerechtigkeit bedeutet auch, Talente besser zu nutzen. Wer Kinder aufgrund ihrer Herkunft zu früh auf bestimmte Bildungswege festlegt, riskiert, Potenziale ungenutzt zu lassen. Darauf haben in den vergangenen Jahren auch wirtschaftsnahe Expertengremien wie der Aktionsrat Bildung hingewiesen.Hinzu kommt die Frage der Inklusion. Viele Fachleute sehen längeres gemeinsames Lernen zwar nicht als zwingende Voraussetzung, aber als wichtigen Baustein für eine Schule, die Vielfalt als Normalität versteht und unterschiedliche Lernvoraussetzungen gemeinsam berücksichtigt.
Fazit: Die Debatte ist eröffnet.
Die Anhörung hat keine einfache Antwort geliefert. Sie hat aber einige weit verbreitete Gewissheiten erschüttert.Die Wissenschaft belegt nicht, dass die frühe Aufteilung nach Klasse 4 für Bayerns Erfolge verantwortlich ist. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass sie soziale Ungleichheiten verstärkt.
Wer Chancengerechtigkeit ernst nimmt, sollte deshalb bereit sein, neue Wege zu prüfen. Nicht ideologisch, sondern evidenzbasiert. Nicht per Schnellschuss, sondern durch gut vorbereitete Schulversuche und wissenschaftliche Begleitung.
Genau darum ging es bei der Anhörung: Nicht um die Abschaffung des bayerischen Schulsystems, sondern um die Frage, wie wir jedem Kind unabhängig von Herkunft, Wohnort oder Geldbeutel bestmögliche Bildungschancen eröffnen können.Denn letztlich darf nicht entscheidend sein, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt. Entscheidend muss sein, welches Potenzial in ihm steckt.
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